Malou Berlin liest aus Hier ist herrlich arbeiten. Begegnungen mit Brandenburger Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Brandspuren, erschienen in Verlag für Berlin-Brandenburg und Querverlag.

Textprobe

aus „Kein Wort, kein Blick“ (Anfang)

Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, und nun, als sich die Erwachsenen vor mir zur Predigt hinsetzten, konnte ich die endlich aufgebaute Weihnachtskrippe sehen. Jede der Figuren auf dem Seitenaltar maß etwa einen halben Meter, so dass ich sie aus der dritten Bankreihe gut erkennen konnte: Maria, die auf das Jesuskind blickte, Josef mit der leuchtenden Laterne, Ochs und Esel unter dem mit welkem Moos bedeckten Dach und die Hirten, die mit den Schafen herbeieilten. Doch ganz vorne vor den Tannenzweigen saß eine neue Figur, ein niedlicher Junge, der direkt zu mir schaute. Ich hielt den Atem an: er sah aus wie Rudi! Den musste ich ihm zeigen, gleich bei seinem Besuch am Nachmittag.
Rudi war nicht nur mein Cousin, sondern auch einer meiner besten Freunde, und das, obwohl er in einer anderen Stadt lebte. Nie gab es Streit, wenn wir vor dem Haus mit unseren Micky Mäusen spielten oder durch die damals kaum befahrenen Straßen rollerten. Er zog immer alle Blicke auf sich, und manchmal blieben die Erwachsenen sogar stehen. „Solche Kulleraugen! Und die Locken! Wie süß!“
Nachmittags war unsere Kirche menschenleer, und so rannte ich durch den Mittelgang zum Seitenaltar, in meiner Hand drei Groschen von meiner Mutter. Voller Stolz stellte ich mich an die Krippe, während sich Rudi beim Näherkommen neugierig in der Barockkirche umsah.

…………….

aus „Brandspuren“ (S.13)

Den Blick aus der Dachluke hatte Wilma schon als Kind geliebt: die Spree, die sich als noch schmaler Fluss zwischen Silberpappeln, Robinien und Linden schlängelt, auf der anderen Uferseite Felder und weites Heideland. Schwer atmend kletterte sie hinaus und stellte sich auf den Trittrost neben den Schornstein. Flussabwärts waren die Einfamilienhäuser der Nachwendezeit zu sehen, dahinter der enge Spreebogen. Wilma konnte mit ihrem Blick den Uferweg verfolgen, der nur wenige Meter an ihrem Haus vorbei zum Bahnhof führte. Sie wandte sich dem Schornstein zu. Auch hier war der Mörtel bereits brüchig, die Arbeit würde also nicht allzu kräftezehrend sein. Mit Hammer und Meißel setzte sie kurze Hammerschläge in die Mauerfugen. Ihre schwieligen Hände erinnerten sich sofort wieder an dieser Arbeit, die sie bereits vor sechzig Jahren erledigt hatte. Wilma war nie „Fräulein Mauerer“ genannt worden, wie ihre beiden Kolleginnen, die damals zum Schutz ihrer Haare mit Kopftüchern arbeiteten. Mit ihrer Schiebermütze über den kurzgeschnittenen Haaren sah Wilma aus wie die anderen Jungen, die sie einfach „Willi“ riefen.

2021
Kurzgeschichte „Kein Wort, kein Blick“ in der Anthologie „Hier ist herrlich arbeiten“, Verlag für Berlin-Brandenburg

Seit 2021
Leiterin der Schreibwerkstatt im Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner

Seit 2020
Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller Brandenburg

2019
Co-Autorin für den Film „Du bist das schönste Mädchen“
Produktion: Schatzfilm Berlin

Seit 2013 bis heute
Freischaffende Autorin und Filmemacherin
Entwicklung von „textmove“: Auftragsarbeiten, v.a. familiengeschichtliche Portraits

2016
Roman „Brandspuren“, Querverlag Berlin

2010-2013
Fertigstellung „Nach dem Brand. Eine Familie aus Mölln“
(Buch, Regie, Produktion: Malou Berlin)
Lektorat und Satz im Findling-Verlag, Kunersdorf

2006-2009
Studium Filmdramaturgie/Drehbuch, Filmarche Berlin,
Entwicklung des Dokumentarfilms „Nach dem Brand. Eine Familie aus Mölln“

2006
Roman „Zeit bis Mitternacht“, Querverlag Berlin

1961
geb. in Baden-Württemberg
Motorradmechanikerin bis Mitte der 90-er Jahre in Berlin

www.malou-berlin.de

Bibliographie

Publikationen

Auswahl:

Kein Wort, kein Blick in der Anthologie Hier ist herrlich arbeiten. Verlag Berlin Brandenburg (vbb), Berlin, 2021
Brandspuren, Roman. Querverlag, Berlin, 2016
Zeit bis Mitternacht, Roman. Querverlag, Berlin, 2006
Wir hätten es also doch wissen können in der Anthologie Sappho küsst die Sterne, Querverlag Berlin, 2004

Auszeichungen

Nominierung für den Grimme-Preis, 2013
Publikumspreis Filmkunstfest Schwerin, 2013
Preis der Filmarche für den besten Dokumentarfilm, 2013
Vielfaltspreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern, 2012
Nominierung Prix Europa, 2012