geboren am 11. September 1962 in Brandenburg/Havel

wohnhaft in Rathenow

Bildung

EOS “Karl-Marx” Rathenow
1981 – Abitur

FERNSTUDIUM AN DER “AKAD” Stuttgart

1994 – Abschluss als Diplom-Betriebswirtin (FH)
1990-2008 Angestellte im Öffentlichen Dienst
Sozialplanerin beim Landkreis Havelland bis 2008

Weiterbildungen bei Prof. Dr. G. Fischborn in Leipzig, an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel (Ingo Schulze, John von Düffel. Markus Orths u.a,), beim Autorendock (Juli Zeh, Terézia Mora, Clemens Meyer), am Nordkolleg Rendsburg, u.a. mit Dr. Frauke Meyer-Gosau und dem Literaturhaus Kiel sowie Meisterkurs bei Heinrich Steinfest an der Sommerakademie in Irsee und in Romanwerkstätten bei Ingrid Kaech

Vorstandsmitglied des VS Brandenburg

www.rita-koenig.de

Bibliographie

01. Oktober 2015 Debut-Roman „Rot ist schön“ Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

25. Oktober 2018 Roman „Fast schon ein ganzes Leben“ Lauinger Verlag Karlsruhe

Veröffentlichungen in Anthologien, u.a. denen des Brandenburgischen Schriftstellevrbandes 2011, 2014, 2017, 2021
(2021 auch eine der Herausgeberinnen)

Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, u.a. Schloss Wiepersdorf 2006, Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2007/2008, „InterStip“ Reise- und Recherche-Stipendium des Landes Brandenburg (Villa Decius Kraków/Polen, Ventspils/Lettland und Käsmu/Estland) 2013/2014, Landesstipendium Sachsen-Anhalt/ Künstlerhaus Salzwedel 2016, Stipendium für Menschenrechte Meran/Italien 2022

Rita König liest aus Fast schon ein ganzes Leben, erschienen im Lauinger Verlag Karlsruhe.

Textprobe

Eine blonde, äußerst attraktive Geigerin fiel Paul als Erstes auf, sie saß genau in seiner Blickrichtung. Paul ertappte sich dabei, lange in das fein gezeichnete Gesicht der jungen Frau zu blicken, als Birgit leise seufzte. Zur Pause holte er ein Bier und für Birgit ein Glas Wein, sie unterhielt sich mit einer Frau, die er nur vom Sehen kannte, er stellte sich schweigend dazu.
Zum letzten Stück setzte sich eine Frau ans Cello, neben ihr nahm ein junger Bursche mit einer Violine Aufstellung. Sobald er zu spielen begann, bewegte er sich samt Instrument, als würde er der Dame den Hof machen. Paul fühlte sich in einen Film versetzt, nicht zwei Musiker spielten da vorn, das Klavier und vor allem das gesamte Orchester hinter sich, sondern er und Birgit. Er wusste nicht, weshalb, er konnte nicht einmal Flöte spielen, geschweige denn ein so kompliziertes Instrument mit mehreren Saiten, aber der Film war nicht zu stoppen. Jede Note, jede Bewegung fügte dem Material einen weiteren Meter hinzu, Birgit (oder doch die Frau am Violoncello?) war diejenige, die den Ton angab, obwohl doch die hellen, hohen Klänge der Violine alles hätten dominieren müssen. Aber nein, hier lenkte das Violoncello, wie ein Herausfordern klang das, und Paul (oder doch der Geiger?) ließ sich nicht lange bitten, strich und fiedelte, als ginge es um sein Leben. Als der Mittelteil begann und die Streicher des Orchesters eine ruhige Melodie spielten, sank Paul erschöpft in den Sitz. Seine Oberschenkel zitterten. Nur kurz blickte er zu Birgit, die die Augen geschlossen hielt, auf deren Gesicht eine Ruhe lag, die er für sich nicht finden konnte und befürchtete, nie mehr finden zu können. Er schwitzte, aber er wagte es nicht, auf dem Stuhl herumzurutschen aus Angst, der könnte quietschen oder knarren. Er versuchte, unter dem Sitz des Vordermannes die Beine ein wenig auszustrecken, als vorn das Spiel von Neuem begann. Er erinnerte sich vage an den Musikunterricht, es gab immer drei Sätze und im dritten wird noch mal kräftig auf die Pauke gehauen – doch die gab es auf der Bühne gar nicht. Wieder fand eine Art Spartakiade statt da vorn, der Pianist kam ihm vor wie ein Kind, das versucht, mitzuspielen, das Thema zu wiederholen, ja, genau so hieß das, jetzt wusste er es wieder, aber das, was da vorn passierte, betraf nur ihn, ihn und Birgit, und noch immer war nichts entschieden, oder hoffte er das nur? Wieder war das Violoncello viel deutlicher zu hören als die kleine Geige, gab das große Instrument vor, was das kleinere nachspielte, dabei saß die kleine Frau am Cello und stand der junge Mann mit der Violine neben ihr, schaute sie an, schmachtend, oder bildete sich Paul das ein? Jetzt, ja! Die Geige preschte voran, sie bestimmte, na endlich, er reckte sich ein wenig, doch schon drängte sich das Cello davor, sie fiedelten, als würden sie den Endspurt im Crosslauf zurücklegen, aber ich kann doch gar nicht rennen, dachte Paul, und dann hatte er verloren (oder doch die Violine?), der Musiker duckte sich förmlich, die junge Frau lächelte, siegesgewiss. Andere Streicher lenkten Paul mit dem Zupfen einzelner Saiten für einen Moment ab, aber schon sprang das Cello ein und dann fegten sie zusammen alles, was gewesen war, von der Bühne und aus Paul heraus, sodass er nach dem Schlussakkord wie gelähmt saß und erst zu klatschen begann, als Birgit ihn anstieß. Ein Spiegel, nein, ein Zerrbild, er spielte doch gar kein Instrument und Birgit auch nicht. Er wollte jetzt nirgendwohin, nein, heute nicht noch auf ein Glas Wein zu diesem oder jenem, nach Hause, nur nach Hause. Paul zitterte, dabei war es ein milder Spätsommerabend. Kaum angekommen zerrte er Birgit ins Bett und nahm sie, das hatte er noch nie getan, sie war zu verdutzt, um reagieren zu können, er kam schnell, zu schnell, an mehr erinnerte er sich nicht.
Birgit lag noch lange wach. So heftig hatten sie sich lange nicht geliebt, so schnell auch nicht, aber sie fühlte sich wohl, lauschte Pauls Schnarchen und stand erst Minuten später auf, um nach Markus zu sehen, der eingerollt in seinem Bett lag, ebenfalls schnarchend, nur eine Oktave höher als Paul. Sie hatte bemerkt, wie Paul die blonde Geigerin anhimmelte, aber er hatte augenblicklich auf ihr leises Seufzen reagiert und sich wieder ihr zugewandt. Ja, Paul war ein guter Mann, sie brauchte nicht den Zuspruch ihrer Mutter, um das zu begreifen, er ließ ihr Freiräume, er tat immer noch alles für sie. Es war nur schade, dass er sie so gar nicht verstand, nicht mehr oder noch nie, sie wusste es selbst nicht.